Die Leiden der jungen engagierten Studis.

Einmal im Leben politisch engagieren – wann, wenn nicht während eines Studiums? Haben doch gerade 2018 viele die studentischen Proteste von 1968 im Kopf und was diese bewegt haben. Progressiv, subversiv und vor allem gegen die Herrschenden. Diese Solidarisierung miteinander war damals scheinbar möglich. Seit Wochen treibt mich die Frage um, wie sieht es heute aus am hochschulpolitischen Himmel? Ist noch ein Zusammenhalt spürbar? Werden dort noch die Politiker:innen von morgen ausgebildet und abgehärtet? Wie steht es um die Diskussionskultur und viel mehr – geht es noch um politische Inhalte? Die Erfahrungen, die hier genannt werden, beschränken sich auf eine Hochschule. Vielleicht sieht es an anderen Unis besser aus (Positivbeispiele höre ich natürlich gerne).
Vor Jahren begann mein langer Weg der Hochschulpolitik, ich schloss mich einer Liste an, die in großen Teilen meine politische Einstellung vertrat. Damals schon mit dem Ansatz die Themen progressiver zu gestalten und nicht in der sogenannten Hochschulblase zu versacken. In den folgenden Jahren schärften wir unser politisches Profil, wurden kritischer, diskutierten viel über Missstände an der Uni aber auch darüber hinaus. Wir fuhren gemeinsam zu Demos, versuchten uns aktiv einzubringen, wenn Hilfe benötigt wurde usw. Wenn man dann den ersten Schritt gewagt hat, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und sich die Entwicklungen national gar international anzuschauen, dann wird die Sichtweise kritischer.
Viele Prozesse in der Hochschulpolitik sind geprägt durch persönliche Belange. Dies wurde mir sofort schmerzlich bewusst, als ich zum ersten Mal überhaupt an einem Gespräch zwischen zwei Listen teilnahm. Dort schlug mir sofort persönliche Antipathie entgegen, denn sowieso sei das nicht zustande kommen der Koalition nur an einigen Menschen festzumachen, die ab diesem Moment das Feindbild darstellten.
Als Neuling nimmt man Ressentiments dann gerne an und reproduziert diese. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich die entsprechenden Menschen nicht, saß noch nie in einem Studierendenparlament und hatte in Gänze wenig mit Parlamentarismus zutun. Eins war mir jedoch klar, dass diese Art und Weise nicht meine Form der politischen Arbeit darstellt. Glücklicherweise gelang es mir, dieses Bild nicht zu nah an mich ranzulassen. Ich nahm mir vor einen möglichst diplomatischen Kurs zu fahren – schließlich geht es um die Verfasste Studierendenschaft und nicht um einige Menschen die im Studierendenparlament sitzen und sich gegenseitig bespaßen. Die erste Sitzung brachte dann die Erkenntnis: Diese Störenfriede, von denen die Rede war, waren gar nicht so schlimm, übten lediglich viel Kritik; was, nach meinem politischen Verständnis, für eine Opposition ja auch von Nöten ist. In den Pausen konnte ich spannende Gespräche führen und viel über Hochschulpolitik lernen abseits von persönlichen Vorbehalten, es ging um Prozesse, Strukturen, Macht usw. und nicht darum, dass Y Kacke ist weil er mal was mit Q hatte.“
Ein Jahr vorüber – Wahlen, Auszählung, dann stehen Koalitionsgespräche an. Was passiert: „Mit Liste X koaliere ich nicht, da sitzt X und X hat vor X-Jahren mal Y beleidigt.“ Ok, cool. Wieder kein AStA, dafür gute Zusammenarbeit in der Opposition. Weitere Lernprozesse und kritischeres Denken – wieder ein Jahr vorbei und die Wahlergebnisse kommen: Fast die selbe Situation wie in den Jahren zuvor. Diesmal jedoch die Möglichkeit eine andere Koalition zuzulassen, da Liste F, nicht mit Liste B zusammen arbeiten möchte, weil diese politische Diskurse fördern will und nicht nur Selbstverwaltung anstrebt. Diese wurden dann durch uns ausgetauscht. Plötzlich sitze ich im AStA. Das Referat dabei nicht meine größte Herausforderung – das Abverlangte kann ich. Das Studierendenparlament wird immer mehr zu einem Zirkus der Belanglosigkeiten. Die Mandatsträger:innen kennen sich und überall schwingt latent Persönliches mit. Das geht so weit, dass man sich häufig im Ton vergreift und Menschen persönlich angeht. Das ist nicht meine Art und Weise, pöbeln gerne im richtigen Rahmen, aber wenn man Parlamentarismus haben will, dann setzt euch auch mal inhaltlich damit auseinander was das eigentlich ist.
Langer Rede kurzer Sinn: In den letzten Jahren entwickelte sich die Hochschulpolitik immer weiter in Richtung „Wir haben akzeptiert, dass uns kaum eine:r wählt, deswegen scheißen wir auf Output und Politik und machen jetzt nur noch unser Ding.“ – Dass das nicht besser ist, als das was Gruppen fordern, die so gar kein Interesse an einer Verfassten Studierendenschaft haben, scheint den meisten nicht bewusst.

Mag passieren das es mal nicht so rund läuft, aber keine Kritik anzunehmen, wenn diese dann artikuliert wird, ist leider bezeichnend und zeigt, dass die Hochschulpolitik schon lange eine Auffrischung in Sachen „Wie führe ich einen Diskurs?“ und politischem Handeln benötigt. Die hochschulpolitischen Listen engagieren sich alle in ihren gegebenen Möglichkeiten (dies variiert, weil einige Listen beispielsweise Gelder der Mutterpartei nehmen und andere autonom arbeiten). Sie organisieren Veranstaltungen, Workshops, Filmvorführungen, Kennenlernabende und in der Regel kommt zu diesen nicht ein Bruchteil der Studis, die es interessieren könnte. Arbeiten die Listen inhaltlich an den Studis vorbei?
Es kann nicht sein, dass sich viele auf Grund persönlicher Differenzen gegenseitig angehen. Warum ist der gemeinsame Feind nicht das Unirektorat, warum versuchen wir nicht gemeinsam gegen jegliche Form von Studiengebühren, Anwesenheitspflicht, für freie Lehre und für möglichst gute Studienbedingungen an dieser Universität? Wäre das nicht viel interessanter und vorallem relevanter für die Studis, als die tausendste Abfrage von Protokollen?
Auffällig ist für mich in den letzten Monaten gewesen, dass es immer mehr um Befindlichkeiten, soziale Anerkennung und Lob geht. Politische Streitgespräche sind nicht an der Tagesordnung und falls doch, dann muss sich eine:r am Ende in der Regel entschuldigen, damit wieder alles im Lot ist. Puh, sollte man das mal auf die „richtige Politik“ reflektieren und sich die Frage (wenn auch nur ganz leise) stellen, ob in zehn Jahren die Politiker:innen ähnlich im Bundestag und der Bundesregierung arbeiten werden. Das die HoPo eine Spielwiese für eine recht homogene, privilegierte Gruppe ist, ist das eine, wenn darunter aber Studis aktiv leiden könnten, dann sollte sich die Frage gestellt werden, ob das politische Mandat nicht schon von uns selbst abgeschafft wurde oder ob wir uns jetzt nicht endlich mal wieder zusammenreißen können und gemeinsam etwas erreichen wollen- damit nicht nur auf Demos „Hoch die internationale Solidarität!“ gerufen wird, sondern auch im alltäglichen Umgang miteinander Solidarität wieder eine Bedeutung zuwächst.

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