Heimatgefühle im Sonderschlussverkauf!

„Heimat“– dieser Begriff ist derzeit in aller Munde, denn sie scheint sich gerade vom Acker zu machen. Die Angst der Bürger:innen scheint unbändig. Zeit für mich mal über meine Heimat nachzudenken. Ob sich meine Definition mit der der Politiker:innen überschneidet, bleibt abzuwarten.

„Heimat“, das sei Leitkultur, das sind eben die Dinge, die uns als „Deutsche“ prägen. Mittlerweile gibt es sogar ein Zehnpunkteprogramm – Die Charts der Leitkultur!

Wenn es mich aber nun als Deutsche ausmacht, dass ich meinen Namen sage, wenn ich einen neuen Menschen kennenlerne oder das wir uns etwa die Begrüßung zur Hand geben, wäre ich dann beispielsweise keine besonders „gute Deutsche“ – vergesse ich doch zu oft mich vorzustellen oder nehme Abstand vom steifen Hände schütteln. Darauf folgt noch schnell einen Abriss über Vermummung – Vermummte aus politischen Gründen sind per se böse, Burkatragende Frauen sind nicht „wir“. „Wir“ sind eine Leistungsgesellschaft, denn die Schulen sollen immer stärker auf Berufe vorbereiten (obwohl das natürlich der Bildungsbegriff der CDU ist) und dieses „Wissen“ schützt definitiv vor Torheit nicht. Wenn bei Bildung dann speziell Themen wie Faschismus ausgespart werden, sind wir dann stolz, dass wir den Dreisatz beherrschen und die Bundeskanzler:innen der BRD aufzählen können?

Und jetzt zur nächsten kruden These: „In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.“ – es wird sich damit gerühmt, dass Kirchen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben, dass sie tief verankert sind, da KiTas, Schulen, Altersheime, Krankenhäuser kirchliche Träger haben und somit eben auch die Meinung der Kirchen vertritt. Alle Menschen, die Glauben, können dies gerne tun. Weshalb dafür eine Kirche benötigt wird, ist mir allerdings persönlich nie ganz klar geworden. Es muss weiterhin zumindest gegeben sein, dass Kirche in keiner Weise mit Politik und Wissenschaft verstrickt ist. Ist Glaube wirklich etwas worauf Menschen stolz sein können? Jahrhundertelang (wenn das reicht) hat die Kirche kategorisch Menschen unterdrückt. Noch immer argumentieren viele Kirchenanhänger:innen wie aus einer anderen Zeit. Da geht es vor allem um Angst. Angst vor sexueller Vielfalt, Angst vor einer sexuellen Emanzipation, Angst vor „dem Anderen“. Angst vor allem davor, die eigenen Privilegien und die Machtstellung binnen dieser Gesellschaft langsam zu verlieren.

„Wir“ sind im Übrigen auch „aufgeklärte Patrioten“; Aufgeklärt bedeutet: ein Politiker ist 2017 noch nicht in der Lage auch von Patriot:innen zu sprechen, sondern bleibt bei verstaubten Mustern. Warum muss ich mich eigentlich so unbedingt zu Deutschland bekennen? Diese Diskussion ob man sich für das „eigene“ Land schämen muss oder es unkritisch abfeiert, langweilt. Ich verstehe in Gänze nicht, wie ein Raum so hochgehalten werden kann. Wir leben zwar hier, aber dass die Regierung bestimmen will, wie die Bürger:innen zu sein haben, das irritiert. „Ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Jetzt ist die Frage was bedeutet gut? Leben wir wirklich „gut“ in Deutschland oder ist es nicht viel mehr so, dass einige Menschen hier durchaus sehr gut leben können, während andere mit zwei Jobs nicht über die Runden kommen, trotz absolvierter Ausbildung? Wenn wir so weitermachen, sehe ich auf jeden Fall schwarz für meine Zukunft und die vieler anderer junger Menschen. Und auch die Nationalhymne gehört zum richtigen Heimatgefühl. Warum brauchts das? Warum brauchen wir Hymnen über „Einigkeit, Recht und Freiheit“ wenn Einigkeit und Freiheit schon lange keine bezeichnenden Worte für den Zustand der Gesellschaft sind?

Heimat scheint also vor allem eins zu sein: Konform mit den Regierenden. Alle, die auch nur wagen zu behaupten „Burkas gehören genauso zu Deutschland!“ werden mit Gutmensch-Rufen aus dem Raum getrieben. Für mich bedeutet Heimat kein Land, ich brauche auch keine gemeinsame Sprache, um mich irgendwo „zu Hause“ zu fühlen. Heimat, dass sind die Menschen, die meinen Alltag prägen und darüber hinaus. Das ist nicht nur schwarz-weiß Denken, sondern ständige Lernprozesse und Gespräche. Ich brauche keine Flagge um meine Identität zu klären, sondern eine reflektierte Umgebung, mit einer offenen Geisteshaltung.

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