„Und schließlich glitzern Sterne nicht, sie brennen“¹ – kommt es zur Awareness-Revolution?

Ich hab es irgendwie immer versäumt Ängste vor sexueller Vielfalt zu entwickeln und bin angenehm frei erzogen worden. Mittlerweile arbeite ich an einer Universität im Forschungsfeld „Gender Studies“ und bin durchaus in feministischen Kreisen vernetzt. Trotzdem fehlt mir sehr oft das Verständnis für verschiedene thematische Schwerpunkte, die mir nicht allzu progressiv erscheinen. Generell gibt es innerhalb linker Gruppierungen teilweise unaussprechbare Dinge, sollte man Personen direkt mit Kritik konfrontieren und eben nicht hinter dem Rücken reden. Sätze wie „das war jetzt aber ganz schön unaware und hat die Person total vorgeführt“, kann ich nicht mehr hören. Wenn es nicht mal mehr möglich ist, politische Handlungen oder Arbeitsweisen zu kritisieren, dann läuft eindeutig etwas falsch. Fast jede Gruppierung, die ein Awarenesskonzept hochhält, scheitert meist über kurz oder lang daran, da die Menschen sich nur noch übereinander ärgern, die Kritik aber nicht adressieren können. So etwa das Erzwingen von Awarenesskonzepten in Parlamenten. Ich brauche keine Frauen:Männer Peer-Group, in die ich mich in Problemsituation bewegen muss(!). Ich würde gerne frei entscheiden, mit wem ich meine Probleme teile. Also ja, bitte Räume für Frauen schaffen; Männer haben da in der Regel erstmal genug von, aber bitte erzwingt es nicht so. Ähnlich, wie ich niemandem irgendetwas aufoktroyiere, erhoffe ich mir andersrum selbiges. Aber wie so oft: Menschen die nicht in Schubladen denken wollen, tun es am Ende eben doch. So ist Awareness derzeit jedenfalls ein aufgeladener Begriff, der aber für nichts anderes steht, als einen Vorwand zu nutzen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen. Nicht immer, aber leider sehr häufig.

Der weiße Cis-Mann mag ja faktisch existent sein, aber auch hier: kann man da nicht einfach mal sprachlich ein bisschen weniger elitär unterwegs sein? Ein großes Problem der aktuellen (queer-)feministischen Bewegung ist in meinen Augen, dass es ein leichtes zu sein scheint, sich komplett in der eigenen Blase zu verlieren und kaum Öffentlichkeit darüberhinaus zu generieren. Für die meisten Menschen abseits dieser Gruppen sind die Begrifflichkeiten zu abstrakt und zu weit weg von der eigenen Lebensrealität. Die Kunst ist es also, dass man die Themen so bespricht, dass alle Menschen folgen können, dass man sich auf das Wesentliche konzentriert und nicht damit anfängt die totale politische Korrektheit zu verkünden. Das führt nämlich schnell zu Abwehrreaktionen.

Und es gibt so viel tiefliegendere Probleme, als sich ständig mit der Symptombekämpfung auseinanderzusetzen und darüber zu reden, wie man eine Chancengleichheit im Kapitalismus erreichen kann – sondern woran liegt es denn, das Menschen unterdrückt werden? Ist es nicht so, dass der Kapitalismus uns alle „auffrisst“, dass immer Menschen oben stehen werden und andere wiederrum am unteren Ende der Nahrungskette? Darüber sollten wir verstärkt reden! Wieso sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt immernoch besser für Männer als Frauen? Warum verdienen Männer für die selbe Anstellung noch immer mehr als Frauen? Warum bekommen Männer leichter eine Professur als Frauen und warum wird der Feminismus gerade von Männern so verteufelt? Es gibt so vieles worüber wir sprechen müssen, aber wir verkrampfen uns auf sprachliche Korrektheit und eine Welt voller Glitzer und Liebe.

Ich kämpfe für Menschenrechte. Eben nicht nur für die weiße Cis-Frau, sondern für alle Menschen, die diskriminiert werden. Allerdings ist mir auch bewusst, dass innerhalb des kapitalistischen Systems, in dem wir uns nunmal bewegen, immer Menschen in Führungsposition sitzen werden.  Wird die Welt davon besser, das Frauen in Machtpositionen sitzen? Oder ist diese Annahme nicht eigentlich auch schon wieder Sexismus, weil damit unterstellt wird, dass Frauen den Kapitalismus zähmen könnten, etwa durch ihre sanfte Art? Frauen können genauso machtgeile, übergriffige  Arschlöcher in Führungspositionen sein, die ihre Macht ausnutzen, wie Männer – das birgt das Menschsein in sich. Natürlich verdienen Frauen aktuell weniger als Männer und diese Ungerechtigkeit muss beseitigt werden. Dennoch wird die Debatte immer nur im Kapitalismus, von anderen Wirtschaftsordnungen ist seltenst die Rede, angesiedelt. Das verliert schnell seinen Reiz, weil natürlich viel refomiert werden und damit mit Sicherheit schon einiges erreicht werden kann, dennoch: Kapitalismus ist immer so ausgelegt, dass es Hierarchien gibt und somit für mich ein Grund weshalb wir es derzeit nicht zu einer wirklichen Chancengleichheit schaffen werden.

Das binäre Geschlechtersystem ist ein weiterer Teil der Ungerechtigkeiten. Vergessen werden hier all die, die nicht als männlich oder weiblich gelesen werden. Dieses System herrscht jedoch in unserer Gesellschaft vor und wir wachsen mit geschlechtercodierten Produkten auf, lernen schon früh, dass man als Frau Kinder zu bekommen hat und sich doch auch mal nett schminken kann – Männer hingegen, dass sind die starken Macher und Allzeitbereiten. So wird es für uns irgendwann unterbewusst akzeptiert, dass es eben Mann und Frau gibt und die sind halt unterschiedlich.
Die meisten Menschen können sich entweder in männlich oder weiblich „einordnen“. Die Menschen, die dies nicht tun können oder wollen, die werden häufig vergessen oder sind unsichtbar. Das ist kein Zustand und darf so nicht sein, denn das binäre System wird der geschlechtlichen Vielfalt nicht gerecht. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass beispielsweise jenes Phänomen, dass sich genderfluid nennt, auch immer auch ein elitäres Ding ist – ich glaube kaum, dass ein Kind in einer Arbeiterfamilie den ganzen Tag Zeit hat, über die eigene Sexualität nachzudenken, sondern dass das tatsächlich etwas priviligiertes ist. Jede:r zweite hat Angststörungen und auch Identitätsprobleme. Heute bin ich genderqueer und morgen borderfluid. Individualismus hoch 100, was eine Zusammenarbeit oft erschweren kann.

Es sollte darüber gesprochen werden, ob man sich als Feminist:in bezeichnet, oder eine neue Begrifflichkeit suchen sollte. Eine neue, die das Wort Frau nicht so dominant im Blick hat, oder etwa nicht? Ich spreche mich strikt dagegen aus. Frauen wurden seit Anbeginn der Zeit kategorisch unterdrückt. In Führungspositionen sitzen heute noch immer mehr Männer als Frauen. Als queerer Mann wirst du in der Regel immernoch besser bezahlt als eine Frau, wirst natürlich auf andere Weise diskriminiert – ist auch kacke. Wir brauchen solange einen Feminismus bis wir das Maximum erreicht haben. Vergesst dabei aber nie, mal nach den Ursachen zu schauen und Möglichkeiten, um diese zu beseitigen. Das kann die Augen öffnen: Ja, wir müssen etwas ändern und JA! Auch Männer können Feministen sein. Ob Sichtbarkeit für diese Problematiken über eine sogenannte politische Korrektheit hergestellt werden kann, sei mal dahingestellt. Korrekt reden, soweit wie möglich, aber mit einer derartig politisch korrekten Sprache wird in meinen Augen ignoriert, dass wir uns in einer Leistungsgesellschaft befinden, wo es darum geht der:die Beste zu sein. Es gibt ein paar Superreiche, der Rest muss gucken, wo er:sie bleibt. Überall sind Kriege, wir spüren eine autoritäre Wende usw. – Grobe Sprache ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft und zwar ein realistischeres als das, was all jene PC-Verfechter:innen anstreben. Denn nur weil man aufhört über Dinge zu reden, heißt das nicht, dass sich alle Ungerechtigkeiten sofort in Luft auflösen. Ganz im Sinne von: Lieber kuscheln, als Revolution. Nein! Geht mir weg mit euerer Glitzermentalität und besinnt euch mal auf die Realität. Wir leben in einer Welt, wo wir jeden Tag Scheiße erleben oder zumindest irgendwo mitbekommen. Uns in Individualismus zu verlieren, wird wenig helfen – nur wenn wir alle an einem Strang ziehen, sind wir stark!

¹ Goldroger „Friede den Hütten“, Avrakadavra.

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